Morgens um 9 in Deutschland, ein Hiking und Trekking Outfitter in der Stadt, ich stehe vor einem noch etwas müden Publikum. Das Thema ist „Lighten your load“, eine Intro in die Welt des Ultralight Backpacking, und was man so wirklich mitnehmen muß und was zuhause bleiben kann.

Dabei stellt sich die Frage: „Warum gibt es in Deutschland eigentlich keinen ‚Appalachian Trail?’“

Gute Frage! Wahrscheinlich hat Jeder da so seine eigenen Ideen, meine sind leider recht negativ.

Wir haben wunderbare Landschaften in Deutschland. Die Vorarlberge, die Alpen, die „Schweizen“ von Sachsen über Franken bis in den Norden (bevor es flach wird), sind extrem gute Wandergebiete. Weitwanderwege wie die E9, welche sich 5,000 Kilometer von Cabo de São Vicente in Portugal nach Narva-Jõesuu in Estland streckt, führen durch das Land. Frankenweg, Jakobsweg, Rheinsteig, oder die Romantische Straße müssen sich auch nicht verstecken.

Landschaft und Entfernungen haben wir also. Was fehlt denn da? Um ehrlich zu sein, ich denke nicht daß etwas fehlt. Vielmehr befürchte ich, daß wir zu viel haben. Regeln, Gesetze, Verordnungen, und — ganz wichtig — „Interessengemeinschaften“.

Die drei „großen“ in Amerika, die sogenannte „Triple Crown“ werden von freien Vereinigungen betreut. Der Appalachian Trail machte es vor, er wurde von Benton MacKaye in 1922 erträumt und teilweise geplant. Andere Interessierte schlossen sich schnell an, bald waren die ersten Freiwilligen und eine kleine Anzahl von bezahlten Mitarbeitern in den Bergen und Tälern. In den Jahren seitdem ist dieses Unternehmen nur noch größer geworden. Die Appalachian Trail Conservancy kümmert sich um den Erhalt der 3000 Kilometer langen Strecke, finanziert aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, und durch die Länder und den Bund.

Für den Pacific Crest Trail sieht es kaum anders aus, und selbst der weniger oft bewanderte Continental Divide Trail hat seine eigene Organisation.

Das Interesse hier ist einfach erklärt: das Erhalten der Natur und ihrer Wunder entlang der Pfade, während man es so vielen Menschen wie möglich ermöglichen will, diese auch zu erwandern. Ehemalige „Thru-Hiker“, jene die den Pfad bezwungen haben, verbringen ihre Urlaube als „Trail Angels“ (PCT) oder „Trail Magic“ (AT) und verteilen kostenlose Burritos, Burger, oder Bier, andere hinterlassen Wasserkanister in der Wüste Kaliforniens oder Petroleum in den Hütten auf den verschneiten Bergen der High Sierra.

Man ist stolz auf seine Natur, sieht sich als Gemeinschaft und eingeschworene Clique von alten und neuen Freunden. Man wandert zusammen, aber immer für sich selbst, hat einen Trail Namen (meiner ist Skáld), welcher weiterhin die Trennung zwischen dem Alltag „da drüben“ und dem Pfad unter den Füßen signifiziert.

In Deutschland gibt es so etwas nicht. Wanderwege sind Aufgabe der Gemeinden und der Alpenvereine und Interessengruppen. Front and Center in diesen Gruppen steht die immer präsente Frage des Zweckes. Warum baut man Wege? Die Antwort ist eigentlich immer die Gleiche: „Den Tourismus ankurbeln“.

Da sind verschwitzte Thru-Hiker in stinkenden Klamotten, ihre Habseligkeiten im Rucksack, natürlich kein schönes Bild. Wer den SalzAlpenSteig erwandern will, kommt auch durch Bad Reichenhall wo ein Glas Wasser sechs Euro kostet (dafür ist es auch mit „Heilsteinen“ gefiltert) und ein langhaariger Wanderer der sich am Wegesrand ausruht auch schon einmal die Bekanntschaft der örtlichen Polizei macht. Weil Obdachlose ja nicht so erwünscht sind, im Kur- und Heilparadies.

Tourismus braucht zahlende Kunden, keine lose Gruppierung mit Zelten und Gaskochern. Er braucht Hotels und Restaurants, keine Tante Emma Läden die auch Sendungen von Zuhause annehmen und an durchreisende Hiker abgeben. Tourismus braucht Autos und Busse.

But the trail is about more than mountains and geography. It’s about people and the idea that we, as a society, can preserve our most wild and beautiful places so that future generations can see what we have seen and feel what we have felt. The Pacific Crest Trail Association is singularly focused on keeping this path wild and open for future generations.Motto der Pacific Crest Trail Association
Wildes Campen, Hütten im Wald, in denen man auch mal eine Nacht verbringen kann, und Campingkocher stehen dem im Weg. Während der Deutsche Alpenverein sich immer noch tapfer gegen die Verkommerzialisierung seiner Hütten wehrt haben auch dort schon die Preise oft einen Sprung in die Unbezahlbarkeit gemacht. Niemand der sein Leben für zwei Monate oder mehr auf Eis legt um auf Schusters Rappen durch’s Land zu ziehen, will sich jede Nacht ein Hotel oder eine Hütte für vierzig oder mehr Euros leisten. Durchschnittskosten für Übernachtung und Sonstiges entlang dem SalzAlpenSteig? 1600€!

Weniger Tourismus, mehr Natur. Gepflegte Wege die kostenlose Campsites bereithalten, offene und freie Hütten statt Hotels, das wäre der erste Schritt. In Fällen wie Bad Reichenhall auch Umleitungen anbeiten die den Wanderer nicht in die Stadt (weil das fördert ja bei Tageswanderern den Umsatz) zwingen sondern daran vorbei leiten.

Beliebt sind solche Ideen nicht. Besonders nicht bei Vereinigungen wie der Tourismusregion Inneres Salzkammergut. Dafür muss, eine Seltenheit für deutsche Freizeitgestaltung, mal der Erhalt und Genuß des Landes vor den Kommerz gestellt werden. Und weil das wohl nicht passiert, gibt’s auch keinen deutschen Appalachian Trail.

Kommentar verfassen