BarCamp Bodensee war toll. Tolle Menschen, tolle Orga, super tolle Arbeit und Outcome dank Oliver Gassner’s übermenschlichen Einsatz und Planungsgenie.

Nach jetzt mehr als 10 Jahren hat sich das “Camp” System gewandelt. Von der Stimmung und den Resultaten des ersten BarCamp, damals in den Räumen von Socialtext in Palo Alto, ist immer noch sehr viel vorhanden, und die grundliegenden Ideen (keine “Speakers”, relaxte Atmosphäre) sind immer noch da. Aber es hat sich auch viel geändert. Heute sind BarCamps eher Unconferences mit einem markanten und gängigem Namen, nicht mehr Camps. Tantek’s alte “Fight Club” Liste, besteht teilweise natürlich noch, wird aber von Veranstaltern und Besuchern leider oft auch als die Gesamtliste der “Regeln” gesehen.

Daher meine Vorschläge um das BarCamp zurück zu den Wurzeln zu bringen, die, damals im August 2005, eine Bewegung starteten, die bis heute anhält.

Erster Tag des original BarCamp, Matt und ein sehr übernächtigter und haarloser Verfasser dieser Zeilen arbeiten noch an bugs in WordPress 1.5, welches am nächsten Tag, zusammen mit der Ankündigung von Automattic’s Gründung veröffentlicht werden soll.

“make the camp yours”

Mehr Focus sollte auf der Tatsache liegen, daß BarCamps nicht “organisiert” sondern “ermöglicht” werden. Das Orga team besteht idealerweise ausschließlich zum Zwecke der Verteilung von Aufgaben. Besucher machen Kaffee, schmieren Brote, organisieren und moderieren Sessions, bringen Essen und Trinken, und tun was sonst noch so getan werden muß, vom Durchfegen nach und zwischen den Tagen, bis hin zum Bereitstellen der Tweet Wall, etc. Ich finde es, ehrlich gesagt, eine Sauerei, wenn Individuen die Organisation eines solchen Camps für Geld anbieten. Bezahlte Orga steht zum BarCamp Prinzip wie die AfD zur Menschenwürde. Genau so sollte ein Camp nichts kosten.

Wenn sich nicht genug Sponsoren finden, wird’s halt ein bißchen kleiner. Essen wird von den Besuchern besorgt und bezahlt (wir hatten Pizza und McDonalds runs, ein Besuch ein paar Straßen rauf bei einem Burger und Shakes Joint, und Leute brachten Kaffee und Kuchen von Outings mit), wenn das zu knapp wird.

Zusammensein

Keine Wand? Kein Problem! Wir haben ja eine Decke.

Das erste BarCamp hatte als “Packliste” drei Dinge: “bring yourself, whatever you’re working on, and a sleeping bag” stand auf der Einladung. Da das BarCamp (eine Anspielung auf die Variablennamen “foo”, “bar”, und “baz”, oder das ältere “foobar”, von “fubar”, fucked up beyond all recognition) eine direkte Antwort auf das FooCamp von Tim O’Reilly war, welches in Zelten ausgetragen wurde, wurde hier auch campiert.

Ein sehr betrunkener, und damals noch “under age” Matt Mullenweg auf dem ersten BarCamp.

In einem Office, ja, aber immerhin verdiente es den Namen “Camp” spätestens als wir am Morgen nach der ersten Runde die letzten Schnapsleichen um Mittag in den Hinterraum komplimentieren mußten um Platz für Sessions zu haben. O’Reilly’s “FooCamp” (Foo für “Friends of O’Reilly) hatte einige Teilnehmer ausgeladen, diese wollten als “Bay Area Rejects” (BAR) aber halt nicht auf’s Campieren verzichten.

Man redete, bis die Bettschwere durch gutes Bier und lange Sessions Überhand nahm, dann rollte man sich in seinen Schlafsack, hörte noch ein Bißchen zu, und schlief ein. Unter Tischen schlafen kannten wir ja alle aus den Crunch-Sessions der Betriebe während des Downturns.

Ross Mayfield (Gründer Socialtext) mit einer Flasche “Social Ale”, dem Bier welches für das zweite BarCamp von Socialtext gesponsored wurde. In den Räumen von Socialtext während dem Camp. Hinten Peter Kaminski, Co-Gründer, rechts, und Erik Langer, Sales. Ganz hinten das WhiteBoard auf dem die Sessions begleitet wurden.

Das ideale BarCamp fände damit in den Räumen einer Firma oder eines CoWorking Space statt. Internet und Wasser kommt als Spende von der Firma oder dem Space, der Rest wird angefahren und, am Ende des Camp, von Allen spurenlos entfernt. Teilnehmer über eine Stadt oder Landkreis in teure Hotels zu verteilen ist OK für Unconferenzen, nicht so sehr für die Camp Idee. Sessions gingen, by the way, bis 4 Uhr morgens am ersten BarCamp. Meine “Fuck, where did I put my Beer” Session endete um 5 Uhr morgens als Tantek und Andy die Kiste Schlenkerla Rauchbier auf dem Parkplatz fanden die ich vergessen hatte in’s Camp zu bringen.

Show and Tell, not Show and Sell

“I’ve got lots to show and nothing to sell” war eine weitere Grundregel, die heute eher oft verletzt wird. Auf dem BarCamp Bodensee fand Oliver Gassner einen tollen Mittelweg zwischen Sponsorships und Kommerz, auf anderen “Camps” ist das eher weniger der Fall. Während das erste Camp wirklich nur eine Reaktion auf O’Reilly’s Ausladungen war, waren spätere auch eine auf den Kommerz des FooCamp — Sessions sollten informativ sein, kostenlos und frei, und unseren Freunden mehr Dinge in die Hand geben, die von diesen direkt eingesetzt werden konnten. Es gab keine Firmengeheimnisse, keine Pitches, und kein Konkurrenzedenken, nur Austausch. Auf dem BarCamp Bodensee war das prima, auf Anderen habe ich das auch schon anders erlebt. By nerds, for nerds, nicht “by salesmen for sheep”.

Das gesponsorte Social Ale. War so gegen 2 Uhr Nachmittags weg, also fuhren wir zur Tanke und kamen mit ein paar Kästen wieder.

Sponsoren sind da so eine Sache. Die Idee, daß einfach nur da sein und Swag mitbringen auch gut für die bottom line ist, ist nicht immer haltbar. Dafür bekommen Sponsoren aber etwas Anderes: brand exposure, Zugang zu potentiellen Kandidaten zur Anstellung, und ein gutes Bauchgefühl. Dieses “gute Bauchgefühl” ist, was Camps antreiben sollte, nicht Profitdenken (daher noch einmal laut: fuck you, kommerzielle BarCamp Organizers und Orga for Hire Schemes).

Einfach Reinkommen, immer Mitmachen

Hier hat, meines Erachtens nach, auch das BarCamp Bodensee seine Aufholarbeit zu tun. Wenn man das Ganze nicht als Konferenz sondern als Camp betrachtet, dann muß auch der Anmeldevorgang nicht super bürokratisch sein. Eine einfache Wiki Page reicht eigentlich, auch ein Google Form, welches in eine öffentliche Google Spreadsheets Datei schreibt kann da eine Menge tun. Dazu sollte man auch solche Dinge wie “Ich bin ausgebildete Ersthelferin” oder “Ich bin Veganer” erfragen und entsprechend darauf reagieren. Das Tixxt System ist, weil Tixxt scheiße ist, einfach scheiße. Camps sind offen, da sollte man auch offene Software oder, zumindest, freie Software, verwenden.

Dafür braucht es Freiwillige, und die müssen Aufstehen. Das Camp als Konsumveranstaltung, als Sales-Pitch, das funktioniert nicht. Es ist, vom Design her, eine mehrtägige Veranstaltung auf engstem Raum, bei dem Menschen zusammen, jeder nach seinem Können und für Jeden nach dessen Bedürfnissen, etwas schaffen das nachhaltige Wirkung auf die Arbeit und das Leben jedes Teilnehmers hat.

Peitsche, Tempel

Vielleicht wird es Zeit, um bei religiösen Motiven zu bleiben, die Händler mit der Peitsche aus dem Tempel zu treiben, die 99 Thesen mal wieder an die Wände der Camps zu nageln, und sich auf die Anfänge zu besinnen. Das derzeitige “Camp” Prinzip ist eine Unkonferenz, mehr Konferenz als Camp, und sollte so auch weiterbestehen. Dagegen sollten aber richtige Camps stehen, die die Idee der Konferenz mehr als nur bei der Session-Planung aushebeln.

Die heteronormative “Knutschecke”

Volunteer sein, muß hip werden. Freiwillige machten das erste BarCamp zu der Sensation, aus der 1000e von weiteren Camps entstanden. Freiwillige, die die Orga entlasteten und nicht alle Arbeit auf den Schultern einer kleinen Gruppe abluden. Freiwillige, die heute noch ein Leuchten in den Augen haben, wenn die Rede auf die Planungssession im Zeitgeist an Duboce in San Francisco, die Abende im Socialtext Office, oder den Kisten Bier von der Tanke kommt. Ich werde noch Jahre von diesen Wochen in der Bay Area zehren, so wie ich wohl für eine lange Zeit an das BarCamp Bodensee, seine Menschen, die Gespräche, und die “Knutschecke” denken werde. Gute Zeiten brauchen gute Menschen, BarCamp Bodensee hatte das, wir sollten das wirklich erhalten und zeitgleich wieder zu unseren Roots zurückfinden.

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