Wer mit Locomore reisen will, der muß früh aufstehen. Nur einmal, und nur an vier Tagen der Woche, fährt die Alternative zur Deutschen Bahn nach Berlin. Das soll sich im April wieder ändern, aber heute is der 30. Januar, und deshalb sitze ich um kurz nach halb sieben im RE nach Frankfurt. Draußen ist’s  verdammt kalt, kalt genug für die Bahn an jeder Haltestelle im Zug und auf jeder Anzeigetafel davor zu warnen, zu nahe an die Bahnsteigkante zu treten. Was auch Sinn macht, die Notaufnahme ist überfüllt mit Schenkelhals- und anderen Verletzungen durch Stürze, der Morgen ist Chaos. Ich bin froh, daß ich stattdessen im Zug nach Berlin entspannen kann, da nimmt man auch das frühe Aufstehen in Kauf.

8:02 – Frankfurt am Main (Süd)

Noch 27 Minuten bis zur Abreise. Die elektronische Anzeige warnt immer noch vor Glätte, einige Passagiere stehen schon hier. Weder auf der Abreisetafel, noch sonst irgendwo ist LOC 1818, meine Fahrt nach Berlin, angezeigt, aber es sind ja auch noch mehr als zwanzig Minuten bis ich wieder in’s Warme komme. Stattdessen hole ich mir eine Cola und ein Käse-Croissant, was eine verdammt gute Idee ist. Dazu aber später.

Das Rätsel löst sich gegen 8:25, wenn der auf Gleis 7 angekündigte Zug dann per Lautsprecheransage auf Gleis 8 verlegt wird. Das ist das Gleis mit der Glätte-Anzeige.

8:30 – Frankfurt am Main (Süd)

[ngg_images source=“galleries“ container_ids=“2″ display_type=“photocrati-nextgen_pro_mosaic“ row_height=“200″ margins=“5″ last_row=“justify“ lazy_load_enable=“1″ lazy_load_initial=“35″ lazy_load_batch=“15″ captions_enabled=“0″ captions_display_sharing=“1″ captions_display_title=“1″ captions_display_description=“1″ captions_animation=“slideup“ order_by=“sortorder“ order_direction=“ASC“ returns=“included“ maximum_entity_count=“500″]Ich fahre seit Jahren Bahn. In den letzten vier Jahren war ich mehr auf der Schiene als zuhause, nur Arbeit nahm einen größeren Teil meiner Zeit ein. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, jemals mit einem Handschlag beim Einsteigen begrüßt worden zu sein. Gibt immer ein erstes Mal, heute war es das. Mein Abteil ist leer. Außer mir sitzt niemand in dem, garantiert mit maximal drei Personen belegten, Sechser. Leider war es mir, obwohl ich schon Wochen zuvor gebucht hatte, unmöglich einen Sitzplatz mit Tisch zu bekommen, also sitze ich an der Tür und hoffe, daß ich meinen Laptop irgendwie auf dem Schoß balancieren kann. Strom ist immerhin da, was man von den original alten Intercity Wagen, die Locomore wohl gebraucht von der Bahn erworben und refurbished hat, nicht behaupten konnte.

Das Locomore Business Zugabteil. Mit Kissen und maximaler 3er-Belegung.

9:16 – irgendwo kurz vor Fulda

Das Abteil ist laut. Richtig, richtig, laut. Alles rasselt und klappert und quietscht. Immerhin habe ich das Bord-WLan endlich zur Kooperation überreden können, und surfe, wenn wir nicht gerade in einem Tunnel sind, mit akzeptabler Geschwindigkeit im Netz. Einen (kostenlosen, Teil des „Business“ Pakets) Kaffee habe ich auch vor mir, Fahrkarten-Kontrolle auf dem Handy war schneller und freundlicher als bei der Deutschen Bahn. Im Allgemeinen muß man anmerken, daß die Locomore-Mitarbeiter freundlicher und entspannter wirken als ihre DB-Kollegen. Vielleicht liegt’s am Retro-Look des Zuges, aber ich fühle mich fast ein Bisschen wie damals in den frühen 80ern als ich mit dem Zug alleine zur Omma auf’s Land fahren durfte.

11:20 – Hannover

Meine beide Abteil-Nachbarn steigen zu. Leider sind die zu dritt, Locomore belegt aber in Business-Abteilen nur drei von sechs Plätzen. Also muß Einer im nächsten Sechser Platz nehmen. Laut ist’s immer noch, und Locomore hat das mit dem Druckausgleich nicht so ganz hinbekommen. Jedes Mal wenn wir durch einen Tunnel fahren tun mir die Ohren höllisch weh. Schlucken und Gähnen hilft, aber da an Arbeiten ohne Tisch und Netzwerk nicht zu denken ist, versuche ich etwas zu dösen. Was bei jedem Tunnel erstmal mit einem „au, die Ohren“ unterbrochen wird.

Ich begebe mich also auf die Suche nach dem „Bistro“. Laut Speisekarte ist alles im Zug Erhältliche Öko, Bio, Glutenfrei, und zum Großteil Vegan oder vegetarisch. Berlin Hipster, halt. Cola gibt’s nur als Bio Zisch mit Guarana oder vegan als Fritz Light (mit ganz großem Hinweis, daß die nicht Bio ist, die Schande, die Scham), Essen gibt’s im Glas. Oder, besser, würde es geben, wenn der nette Mann im super-lauten (noch lauter) „Bistro-Abteil“ nicht bei jeder meiner Bestellungen mit einem „hammer gerade nicht“ abwinken würde. Das „Bistro“ ist eine Kammer im Fahrradabteil, man nimmt das Ganze mit an den Platz. Zum Glück habe ich ja noch das Käsecroissant und die Coca Cola dabei. Statt Mittagessen gibt’s wenigstens was zum Schmunzeln, das Verfallsdatum auf den Im-Glas-Speisen liegt vor dem Abfülldatum:

12:59 – Berlin Zoo

Seit Jahren stoppt hier kein Fernverkehr mehr, mit Locomore ist’s endlich wieder möglich auch am Zoo auszusteigen. Obwohl ich bis Berlin Hbf gebucht hatte, mache ich von dieser Chance Gebrauch und stürze mich in die Welt außerhalb meiner 80-er Jahre Bubble im Zug.

Meine Zugfahrten dienen einer von zwei Beschäftigungen:  Erholung oder Arbeit. Erholen kann man sich in den doch etwas unbequemeren IC-Abteilen der Locomore zwar nicht so gut wie im ICE, aber es geht schon irgendwie. Im hinteren Zugteil waren sogar noch massiv Tischplätze frei (aber leider dort ohne Steckdose), also hätte ich auch arbeiten können, wenn es wichtig gewesen wäre. Laut war’s, zugig war’s manchmal, und das mit dem Druckausgleich ist lästig, aber das WLan funktionierte besser als bei der Deutschen Bahn, und die Mitarbeiter waren um Klassen freundlicher. Ein bisschen Zug im Zug, und 80-er Jahre Ratteln für weniger als die Hälfte des Preises eines DB Tickets? Kein schlechter Deal.

Heimwärts

Zurück geht’s mit der Deutschen Bahn, was ruhiger ist, und besser an den Ohren, druck- und lautstärketechnisch, aber nicht so viel Spaß. Mit 30 Minuten Verspätung kommen wir abends in Hanau an, also bleibe ich bis zum Hauptbahnhof sitzen, weil mein Anschluß sowieso weg ist. Den alternativen RE nach Grävenwiesbach cancelt die Bahn ohne Ankündigung dann auch, die S5 nach Friedrichsdorf kommt eine Stunde zu spät, und irgendwie fühle ich mich ganz und gar nicht danach, Locomore zu kritisieren, wenn auch die Deutsche Bahn nix wirklich zusammen bekommt. Irgendwo zwischen Hannover und Göttingen war auch der Bahnchef, Rüdiger Grube, zurückgetreten weil die Regierung ihm statt einer drei- nur eine zweijährige Vertragsverlängerung angeboten hatte. Nachdem er von seinen drei Zielen, weniger Verluste, Pünktlichkeit, und WLan im Zug, ja auch nur eines irgendwie hinbekommen hatte, wäre ein Jahr Verlängerung statt drei vielleicht lustiger gewesen, aber das Resultat ist das Gleiche — gegen 10 Uhr Abends standen er und ich beide vor der Tür in der Kälte.

Nachts nach Frankfurt zurück zu kommen ist immer ein schöner Anblick

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