Select Page

Man kann fast nicht mehr zu einem neuen Arzt oder in die Apotheke gehen, ohne damit zugeschlagen zu werden: Homöopathie ist überall. Sie wird im Fernsehen beworben, besprochen, und für toll erklärt, von studierten Pharmakologen verkauft, anscheinend anderweitig vernünftigen Ärzten mit richtiger Approbation empfohlen, und unsere Versicherungen zweigen einen Teil unseres Geldes ab, um davon homöopathische „Mittel“ mit zu finanzieren.

Gemäß dem Netzwerk Homöopathie wurden 2014 in Deutschland allein 528 Millionen Euro Umsatz mit Globuli und anderen homöopathischen Mitteln gemacht. Eine 2014 veröffentlichte Studie vom Institut für Demoskopie Allensbach zeigt: mehr als die Hälfte der befragten Deutschen hat schon einmal homöopathische Mittel verwendet.

Ärzte, Apotheken, Patienten, selbst die EU fördert Homöopathie-Forschung— dabei wirkt das Ganze überhaupt nicht. Studie über Studie zeigt, daß Homöopathie und Placebo die gleichen Resultate ergeben. Keine Studie konnte eine “Wirkung” der homöopathischen Präparate nachweisen.

Da kommt man schon in’s Grübeln, und deshalb habe ich mich mal hingesetzt (nicht als Erster, aber anscheinend ist es immer noch nicht genug) und geguckt, was Homöopathen so zu wissen glauben.

Homöopathie wirkt, weil ein Arzt, der nichts von Viren, Bazillen, Röntgenstrahlen, dam Atom, dem Ultraschall, oder selbst der genauen Funktion der Leber, Niere, oder des Herzens wusste, das so sagt.

Das Gesamtwerk der Homöopathie wurde von Samuel Hahnemann begründet, einem ehemaligen Landarzt, Übersetzer, und Schriftsteller, der 1755 in Meißen geboren wurde und 1843 in Paris starb. Hahnemann glaubte, daß die meisten Krankheiten von Kaffee ausgelöst wurden, änderte seine Meinung später jedoch auf einen Pilz der Gattung Psoria. Gleichzeitig nahm er als gegeben an, daß nur „Gleiches“ heilend wirken könne, also Krankheiten mit Giften bekämpft werden müssen, die in einem Patienten die gleichen Symptome auslösen würden. Da jedoch bei den Experimenten, welches Gift welche Wirkung hatte, Menschen zu Schaden kamen, begann er das Gift zu verdünnen und kam so auf die Idee der hochverdünnten Wirkstoffe.

Zum Zeitpunkt seines Todes hatte Louis Pasteur gerade die ersten Entdeckungen zur Milchsäuregärung publiziert, glaubte aber noch fest an eine „kosmische asymmetrische Kraft“, welche er nachzuweisen versuchte und dabei auf die Wirkung von Hefen stieß.

Zwar hatten vor Pasteur schon Andere diese Entdeckung gemacht, und „Bakterien“ waren ein theoretisches Feld seit dem späten 17. Jahrhundert, aber selbst dann genossen diese die gleiche Nachweisbarkeit wie kosmische Kräfte, nämlich gar keine. Theorien wurden entwickelt, getestet, und verworfen oder weiter erforscht.

Erst 1873 wurde das Mycobacterium leprae durch Gerhard Armauer Hansen nachgewiesen. 1898, Jahre nach Hahnemann’s Tod, schrieb Dimitri Iwanowski von einem Stoff, der durch Filtration mittels bakteriendichter Filtern (Chamberland-Filter) nicht entfernt werden konnte, und die Mosaikkrankheit in Pflanze auslöste. Dieser “Stoff”, wie man später nachwies, war ein Virus.

Kosmische Strahlen waren zu dieser Zeit genauso wahrscheinlich, wie Viren. Joseph Lister war gerade geboren und es würden noch Jahrzehnte vergehen, bis erste Forschungen in die antiseptische Medizin stattfanden. Paul Ehrlich fand einen Weg, Blutzellen farblich einzugrenzen und zu erforschen im Jahr 1891, Immunität und die bahnbrechende Arbeit an der Heilung der Syphilis kam Jahre später.

Zur etwa gleichen Zeit, im Jahr 1895, entdeckte Conrad Röntgen in Würzburg eine später nach ihm benannte Strahlung, die die Medizin revolutionieren sollte. Erst 1905 und 1913, war es, daß Einstein und Niels Bohr erste Erkenntnisse zum Aufbau von Atomen publizierten. Zuvor war das Atom ein großes, unbekanntes, Feld, dessen Existenz man anerkannte, und von dessen Grundfunktion als Baustein man ausging, dessen Arbeitsweise man aber nicht kannte.

Das Ultraschallmikroskop kam Jahre später, 1925 begannen Ärzte an der Funktion des Herzens, und des Sinusknotens als Schrittmacher, zu forschen.

Diese Funde veränderten die Medizin. Was bisher als gegeben galt, war plötzlich nicht mehr der Fall. Prävention, Diagnostik, und Therapie passten sich an die neuen Erkenntnisse an. Nicht so die Homöopathie, deren Schlachtruf weiterhin das „Ihr hattet damals schon unrecht, warum sollen wir Euch heute glauben?“ war.

Daß Wasser kein „Gedächtnis“ hat, konnte seither in replizierbaren Tests nachgewiesen werden.

Daß eine Lösung von 1:1060 (das ist das bekannte „D30“ in der Homöopathie) einer Verdünnung von einem Tropfen Wasser in 1.3 Milliarden Galaxien gleicht, und damit eine über 6 Trillionen höhere Wahrscheinlichkeit besteht, daß Atome von Hitler’s Blaseninhalt sich in einer homöopathischen Lösung Befinden, das ist neuere Forschung als Hahnemann’s Zeitalter.

Das „Ähnlichkeitsprinzip“ bekämpft Feuer mit Feuer, gleiches mit Gleichem

Hahnemann’s Idee, daß Gleiches mit Gleichem zu bekämpfen sei, bedeutet, daß sich in dieser „D30“ Lösung irgendwann einmal eines oder mehrere Fragmente aus einem Wirkstoff befanden, der bei Patienten in voller Stärke die gleichen Symptome auslösen würde. Das ist wichtig: Symptome, nicht Ursachen. Ein Fieber, wie wir heute wissen, wird durch die Inflammationsreaktion des Körpers ausgelöst. Fieber ist also nicht Ursache, sondern die Antwort des Organismus auf eine Krankheit. In der Medizin würde das Fieber als Symptom und zu erwartende Reaktion des Körpers gesehen. Sollte es zu einer gefährlichen Erhöhung der Körpertemperatur kommen, kann mit Fiebersenkern gegengesteuert werden, die eigentliche Erkrangung muß jedoch immer mit behandelt werden. Nicht so in der Homöopathie: hier ist das Fieber die “Erkrankung”, die Ursache war, zu Hahnemann’s Zeiten, einfach nicht erkennbar und wurde und wird deshalb ignoriert.

In anderen Worten, um dieses Fieber, welches viele Gründen haben kann, zu bekämpfen, wird in der Homöopathie die Hitze als „Leitsymptom“ und damit als das Bekämpfenswerte betrachtet. Es wird also mit Belladonna (erhöht Körpertemperatur indem es eine Hypotonie erzeugt), oder Phosphor (das brennt) „bekämpft“. Selbst wenn es jetzt noch aktive Wirkstoffe im Wasser gäbe oder Wasser ein Gedächtnis hätte oder sich strukturell beim „Potenzieren“ (das ist was die Homöopathen die Verdünnung nennen, mehr dazu gleich), wäre es wahrscheinlicher, daß aus verärgerten Hassern freundliche Pazifisten würden, als daß das Belladonna oder Phosphor das Fieber bekämpfen.

Weniger ist mehr (und Schwarz ist Weiß, Oben ist Unten, Glaube ist Wissen)

Zumindest wäre das mit der Hitlerblase so, wenn es denn so wäre. In der Homöopathie ist das aber auch hier ganz anders als in der physikalischen Welt. Hier „potenziert“ man Wirkstoffe, indem man sie bis zum totalen Verschwinden verdünnt. Zum Vergleich: wenn ich morgen eine 0,33l Dose Cola bei Fehmarn in die Nordsee schütten würde, dann mit dem Schiff nach Oslo führe, dort ein Glas aus dem Hafen entnähme, dieses nach Fehmarn führe, es dort einkippen, und dann wieder in Oslo entnehmen würde, wäre die theoretische Verwässerung niedriger als bei den meisten homöopathischen Mitteln. Das funktioniert, so die Homöopathen, weil Wasser sich im Kontakt mit Stoffen fundamental verändert und heilende Wirkungen annimmt, die — je mehr man das Ganze verdünnt und schüttelt — stärker werden. Der Schüttelvorgang ist dabei in seiner „Vehemenz“, also der aktiven Kraft, die auf das Wasser und den Stoff wirkt, etwa mit mittlerem Seegang vergleichbar.

Wir können heute (leider) in sehr vielen Teilen des Meeres Anteile von Zivilisationsstoffen (wie Plastik, Benzin, und Anderes) feststellen. Homöopathie kann aber nicht erklären, warum wir nach dem Schlucken von Meerwasser nicht an massiven Folgen der „potenzierten“ Inhaltsstoffe des Meeres leiden.

Es wird immer erstmal schlimmer

Dies ist eine weitere „Wahrheit“ der Homöopathie: es gibt – so die Annahme – eine „Erstverschlimmerung“ bevor eine Heilung einsetzen kann. Wer zum Beispiel seine Mandelentzündung mit Homöopathie statt mit Antibiotika behandelt, der wird erst mal so richtig krank, dann wird’s aber besser. Das passiert bei den meisten Mandelentzündungen auch ohne jegliche Einwirkung, was zwar logisch ist, aber den Homöopathen als „Beweis“ reicht: jeder hatte mal einen Onkel, der sein Zipperlein oder die Mandelschmerzen mit Homöopathika behandelt hat, und „geheilt“ wurde. In der Homöopathie gilt nämlich, daß Anekdoten beweislastiger sind als Forschung und Studien. Anekdotisch kann ich auch nachweisen, daß das Lesen dieses Blogs gesund macht.

Aber zumindest kann es nicht schaden (oder?)

Weil Homöopathika mehr oder weniger nur sehr reines Wasser oder Zucker sind, kann wenigstens nichts kaputt gehen, oder? Prinzipiell schon. Aber leider gehen homöopathische Mittel immer mit anderen „komplementären“ Ansätzen einher, werden (weil Wissenschaft ja nicht funktioniert als Nachweis) via der Angstmache vor Medizin verkauft, und führen zum Absetzen von wirksamen Methoden. So empfahl eine Krankenkasse in Deutschland ihren Kunden zum Beispiel Homöopathie einzusetzen, und die „Schulmedizin“ vorher abzusetzen.

Fazit?

Vor etwa 180 Jahren dachte ein Schriftsteller und Übersetzer, der Jahre zuvor als Dorfarzt in einem Bergbaudorf beobachtet hatte, daß Bergbauern krank wurden, wenn sie das Wasser in der Grube tranken, daß dies mit dem „Gedächtnis“ des Wassers zu tun habe, und entwickelte seine Theorie der Potenzierung. Daraus entstand, Jahre vor der Entdeckung vieler Bakterien, oder selbst des Atoms, eine Heilslehre, die bis heute unverändert praktiziert wird. Jeder Test seither, jede Studie, jede naturwissenschaftliche oder physikalische Erkenntnis, jeder medizinische Fortschritt, spricht gegen die Wirksamkeit dieses Heilglaubens. Durch mächtige Glaubenszentren, die Milliarden mit dem Verkauf puren Wassers oder Zuckers verdienen, ist die Lobbyarbeit jedoch so effektiv, daß Apotheken und Ärzte sich diesem Aberglauben ebenfalls verschreiben.

Mit Dank für Korrekturen und Review an Pia Lamberty.