NEIN

Jeder muß, manche öfter, manche seltener, «Nein» sagen. Manche sollten es sogar häufiger tun. Was man nie tun sollte, denke ich, ist „Nein“ sagen und (weil man die Person sowieso nicht mag, oder weil man keine Lust hat) das dann einfach so auf sich beruhen lassen.

Ich habe mich mal, lang lang ist’s her, still in die Ecke gesetzt und (mit seinem Einverständnis) einem Türsteher zugesehen. Das war einige Wochen bevor ich selbst einen Job in diesem Feld anfangen wollte, weil Geld im Studium immer etwas knapp ist. Der Türsteher, nennen wir ihn mal Walter, war typisch für seinen Beruf. Groß, muskulös, bärtig, und tätowiert. Nebenher studierte er  Philosophie und Kunstgeschichte, und wollte ein Aktfotograf werden.

Walter hatte mir damals, am ersten Tag, seine eigene Philosophie erklärt. „Ich bin Reinlasser, kein Rausschmeißer“, hatte er gesagt, und mich dann mit ein paar Dosen Cola und einer vollen Schachtel Luckies ohne Filter in die Ecke verbannt. Walter war in der Tat sehr effektiv. Und, anders als seine beiden Kollegen, hatte er keinen Streß. Nicht weil er groß und stark war, das waren die auch, sondern weil er das „gute Nein“ praktizierte. Er hörte zu, statt eine Wand zu werden. Er hielt seine Hände oft mit den Handflächen nach Oben und dem Besucher zugewandt. Sein Gesicht strahlte Besorgnis und Freundschaft, nicht Drohungen aus, und er ließ sich, mehr als einmal, von der richtigen Person von der Ungerechtigkeit seiner Entscheidung überzeugen.

Auf der anderen Seite der Absperrung war das nicht anders. Die, deren Ausweise er kontrollierte, waren verständnisvoll. Mancher, den er zurückwies, wirkte sogar dankbar oder nachdenklich. Betrunkene ließen sich ein Taxi rufen, der Kleidungs-fauxpas wurde korrigiert oder eben zur Kenntnis genommen und verstanden. Der Club war notorisch für seine Schlägereien, Drogen- und Alkoholexzesse, und Schlimmerem. Mit Walter änderte sich das. In den neun Wochen, an denen ich Walter begleitete, gab es nur einmal Zoff: zwischen einem anderen Türsteher, einem traditionellen Rausschmeißer, und einer Bedienung. Walter schlichtete, und nahm den Kollegen dann für eine „Unterredung und die Entlassungspapiere“ nach hinten. Danach mußte ich seine Hand bandagieren, der große, starke, Walter, war es nicht mehr gewohnt, seinen Körper als „Nein“ zu verwenden.

Die Kunst, „Nein“ zu sagen

Ein „Nein“ kommt in vielen Formen. Stille ist oft ein „Nein“, ein „nicht zustimmen“ in der Hoffnung, dass der Gegenüber den Hinweis versteht. Abwendung oder „zumachen“ auch. Manchmal ist ein „Nein“ eine Gewalttat an sich, manchmal eine geflüsterte Bitte. Selten, jedoch, habe ich ein Nein gesehen, das so freundlich wie das Walter’s war.

Von Walter habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass man immer „Nein“ sagt wenn man „Nein“ meint. Dass Stille eben kein gutes Nein ist. Und dass man Nein sagen kann ohne zum Bösewicht zu werden. Das kostet Energie und Zeit, ja, und Stille oder ein harsches Nein sind einfacher, aber wenn man schon ablehnen mag oder muß, dann hat es der Gegenüber auch verdient, daß man sich dabei Gedanken macht und keine Ausflüchte aus dem Nein sucht.

Die Kunst des guten Nein ist eine dieser Sachen, die man lernen sollte. Ich habe, sowohl beruflich als auch persönlich, viele Menschen kennengelernt, die viel Zeit und Energie darauf verwandt haben, die Gründe zu erklären, warum sie sich nicht um ein gutes Nein bemühen. Oder die, die noch mehr Energie aufwenden, die Konsequenzen eines impliziten oder aggressiven Neins aufzuarbeiten. Als Arbeitgeber muß ich manchmal Nein sagen, als Freund, als Partner, als Vortragender, und als Zuhörer. Ich versuche immer, ein gutes Nein zu verwenden… auch wenn mir das nicht immer gelingt.

Nutze die Stille…

Ich beginne meine Ablehnung, mein „Nein“, eigentlich fast immer mit den selben Worten: „Es tut mir leid, aber da muss ich leider «Nein» sagen.“ Dann warte ich einige Sekunden ab. Das hat zwei Gründe. Erstens kann ich in diesen Sekunden meinen Gegenüber auf Expressionen beobachten. Zieht sich der Mundwinkel für eine Viertelsekunde nach unten? Was machen die Füße? Zeigt er kurz Ablehnung? Angst? Ärger? Trauer? Diese Expressionen dauern weniger lange als ein Augenschlag (ich halte Vorträge zu Mikroexpressionen und empfehle die Bücher von Paul Ekmann oder Jon Navarro zu diesem Thema), sagen aber mehr über einen Menschen aus, als stundenlange Unterhaltungen.

Zweitens gibt es meinem Gegenüber eine Weile sich zu fassen. Emotionen, gut wie schlecht, werden über das limbische System und den Neocortex gefiltert. Das ist harte Arbeit und kann die Person viel weniger zugänglich machen. Die gute Seite daran ist, dass auch wenn die äußeren Anzeichen (Zittern, Flattern der Mundwinkel, Tränen) noch da sind, das „Verarbeiten“ der Erstinformation ist nach etwa vier bis fünf Sekunden abgeschlossen. Nach drei, vier, Sekunden kann man weiter machen. Das hört sich kurz an, im Moment kann sich das aber verdammt lange anfühlen. Vorher etwas üben.

Hör zu!

Aktives Zuhören ist schwer. Ein Nein bringt einen Schwall an Informationen, Fragen, und Bitten mit sich, die man hören und verarbeiten muß. Mein Gegenüber ist, im wahrsten Sinne des Wortes, „geschockt“. Sein Körper geht in den „Kampf oder Fluchtmodus“, Augen erweitern sich, Pulsschlag geht hoch, die Finger werden kalt, weil das Gehirn Blut in die Brust- und Beinmuskulatur sowie den Nacken verlagert. Das passiert auch bei kleinen „Nein“ Situationen. Ein Kind welches um einen Lutscher im Supermarkt bettelt, wird diese Kaskade genau so durchlaufen wie der Bankkunde bei seiner letzten Besprechung mit dem Berater vor dem Bankrott. Weniger stark, aber sie passiert. „Rejection sucks“ sagte Al Gore nach seiner Niederlage, und recht hat er.

Also zuhören. Ich versuche in meinen Antworten kurz und prägnant zu sein, ohne abweisend zu wirken. Die Person auf der anderen Seite hat Dinge auf dem Herzen und die müssen raus. Hier empfiehlt es sich auch, das „Spiegeln“ von Worten anzuwenden. Kurz gesagt (dieses Thema nimmt eine halbe Stunde in meinen Kursen ein), man wählt seine Worte dem Gegenüber angepasst. Wenn er von „meinem Kind“ spricht, dann sagt man auch „sein Kind“, statt „der Bub“ oder „der Nachwuchs“. Wenn er „Angst“ sagt, dann redet man über seine Angst, nicht „Bedenken“ oder „Probleme“. Innerhalb des eigenen Wortschatzes und der eigenen Wortwahl fühlt man sich immer wohler, und dieser Schritt erfordert es natürlich von mir, mich noch unwohler zu fühlen. Aber immer noch besser ich als mein Gegenüber, es ist um Längen weniger schlimm für mich als für ihn.

Wissen, wann es vorbei ist…

Es ist absolut menschlich, verhandeln zu wollen. Vielleicht kann man aus einem Nein ja noch ein Ja machen. Das kann man bei Autoverkäufern genau wie beim Flirt in der Kneipe, bei Kindern genau wie bei Erwachsenen, beobachten. Wir tun uns schwer mit Absoluten, da diese in einem Teil des Gehirns verarbeitet und gespeichert werden, in dem es eben etwas länger dauert und sogenannte „Logik Gates“ überwinden muß, bis das geschieht. Konflikt selbst, speziell Ablehnung, wird im cortex cingularis anterior verarbeitet, und steht vor diesen Logik Gates.

Deshalb halte ich meine Ablehnungen kurz. Wenn es sich um größere Dinge (also nicht eine Ablehnung in der Schlange vor dem Club oder zum Italiener zum Abendessen gehen) handelt, dann biete ich ein Folgegespräch in zwei bis drei Tagen an. Sonst lasse ich meinen Gegenüber ausreden, erwidere (und spiegele), höre noch einmal zu, und beende dann das Gespräch. Es ab hier noch weiter zu treiben dient keinen echten Sinn, und kann sich schnell ins Negative verlaufen.

Nachlese

Offensichtlich passiert das nur bei den oben erwähnten „großen Nein“ Situationen. Kündigungen, abgelehnte Forderungen, oder eine Beziehung die nicht funktioniert, das sind „große“ Dinge. „Nein, du kannst keinen zweiten Lutscher haben“ ist eher etwas Kleines. Abends, nach dem Schreiben meines Tagebuches, setze ich mich oft hin, und gehe diese Situationen durch. Hätte ich sie besser behandeln können? Wie habe ich mich bei „Nein“ verhalten? Was habe ich gefühlt. In der Psychologie nennen wir das Letztere auch „Selbsterfahrung“, und es ist ein wichtiger Teil des Lernens. Auch als Nichtpsychologe macht es Sinn, sich einmal bewußt zu werden, wie man sich in Situationen fühlt, in die man Andere bringt.

Zusammenfassung

Ablehnung tut weh. Man kann, natürlich, sich einen Hupf darum scheren, wie’s dem Gegenüber geht. Vielleicht, weil man ihn sowieso nicht mag oder kennt, oder weil’s einfacher und weniger stressvoll für einen selbst ist, wenn man einfach «Nein» sagt und geht. Man kann aber auch Stärke und Gewissen beweisen und sich Gedanken machen, wie man eine Ablehnung formuliert und überbringt. Dazu wollte ich ein paar Tips geben, ich hoffe sie helfen dem Einen oder Anderen.

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