Im Schweizer “Tagesanzeiger” schreibt Sebastian Schoepp unter der Headline “Jakobsweg verkommt zur Partymeile. Balgereien um Schlafplätze, Abfall und Hipstercafés: Über 280’000 Pilger erreichten letztes Jahr Santiago de Compostela. Die Anwohner verlieren darob ihr Gottvertrauen.” einen Artikel. Den kann man so oder so nehmen. Als Pilger (mein Tagebuch [Englisch]) und als Jemand der gerade eben durch Logroño gewandert ist, kann ich das nicht ganz unwidersprochen hinnehmen.

Aber Logroño? Das ist ein eher verschlafenes Örtchen in der Region La Rioja, wo der Pilger Rast macht, bevor er sich auf den entbehrungsreichen Marsch durch die glühenden, baumlosen Weiten Kastiliens begibt.

Nein. Logroño ist kein “verschlafenes Örtchen”. Die 200.000-Einwohner Stadt ist die Hauptstadt der Provinz La Rioja, eine Weinhandelsstadt mit Weltruf seit 1950, und, unter anderem, das Zuhause eines der teuersten und modernsten Hotels der Welt. Es ist auch, anders als der Artikel behauptet, nicht “Opfer” dieser 280.000 Pilger.

Logroño

Die Innenstadt des „verschlafenen“ 200’000 Seelen „Dörfchens“ Logroño. Mitten in der Pilgerhochsaison. Man beachte die wilde Pilgerhorde, welche die Einheimischen terrorisiert.

Erstens, weil von diesen 280.000 nur ca. 100.000 in St. Jean Pied-de-Port, Pamplona, oder Logroño starten und damit überhaupt durch Logroño kommen. Bis Santiago schaffen es von diesen 100.000 nur weniger als ein Drittel. Manche geben auf, manche wandern aus Zeit- oder Konditonsgründen nur Teile. Das sind immer noch 30.000 Menschen oder, wenn man die Hochzeit nimmt, etwa 125 am Tag, die durch die Örtchen ziehen.

Zweitens, weil Logroño kein Problem mit Pilgern hat. Ganz und gar nicht. Wenn der Autor den Weg gelaufen wäre oder, wenn er es denn tat, sich mit den Locals unterhalten hätte, dann wäre ihm wohl eher die umgekehrte Narrative zu Ohren gekommen — Logroño, wie viele Städte entlang des Camino de Santiago, verdankt einen Teil seiner wirtschaftlichen Rettung in den mageren Jahren der 90er und 00er den Pilgern. Man ist eigentlich recht sauer, dass die meisten Pilgerführer empfehlen, eine Ortschaft weiter zu ziehen und dort die Nacht zu verbringen.

[J]edes Jahr gibt es Rekorde, 2016 kamen fast 280’000 Wanderer in Santiago an.

Das ist richtig. Von diesen 280.000 starten etwa 130.000 aber nicht etwa in St. Jean Pied-de-Port oder einem der anderen “langen” Jakobswege sondern in Sarria. Sarria liegt 114 Kilometer von Santiago entfernt, und damit genau an der Grenze für das Erlangen der Compostela, der Urkunde die als Ablassbrief und Nachweis der Pilgerschaft dient.

Sarria (Link zu meinem englischsprachigen Tagebucheintrag) ist eine Partystadt. Hier wird, vor den letzten drei Tagen nach Santiago, kräftig gefeiert. Die Besucher sind Junggesellen- und -gesellinnenabschiede, Freunde, die ein verlängertes Wochenende trinken und feiern wollen, und Pilger, die eben nur ein paar Tage Zeit haben. Über 70 Prozent dieser Pilger kommen aus den Provinzen Galizien, Castilla y Leon, Burgos, Palencia, Orense, und La Coruña, also naheliegenden Gegenden. Für diese Pilger ist der Jakobsweg das Equivalent der Wanderung auf Andechs.

Sarria

Partystadt Sarria um fünf Uhr morgens. Hier wird gefeiert bis der Botafumero schwingt. Ab hier sind die Herbergen und Hostels auch auf den Ansturm eingestellt, Betten findet man immer.

Ca. 600 Kilometer nach Logroño, hinter der Meseta Hochebene und den galizischen Hügeln, ist Sarria ganz und gar auf den Party-Pilgertourismus eingestellt. Nachts gibt es sogar mobile Drogenberatungen und Sanitätsstationen. Und die “Langstreckenpilger”? Die nehmen’s gelassen und mit Humor. Wenn man etwas auf dem Jakobsweg lernt, dann ist es, dass man sich nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen lässt. Man läuft “seinen Camino,” und das Schnarchen, die Wanzen, der laute Mitpilger, der Staub, die Hitze, der Regen, der Matsch, und die ganzen anderen Widrigkeiten, die sind halt da, stören aber wenig bis gar nicht mehr.

In Santiago de Compostela ist das nicht anders. Disneyland für Christen, eine Stadt in der schnelle Sündenvergebung via 5 Euro / 5 Minuten Beichtstühlen Tag und Nacht verfügbar ist, und selbst das Umarmen der Büste des Santiago, des Heiligen Jakob, mit vierzig Euro zu Buche schlägt. Compostela beschwert sich nicht. Compostela macht Kohle.

Hunde? Leider (fast) nur noch in Büchern.

Zwar loben in Dutzenden Internetforen noch immer viele Pilger die spirituelle Kraft und den persönlichen Gewinn der Selbstüberwindung, fast 800 Kilometer zu Fuss bezwungen zu haben. Doch es häufen sich Klagen über die Balgerei um Schlafplätze, Kommerz, Wanzen in Herbergen und gestresste, zähnefletschende Hofhunde.

“It’s your Camino” sagt man auf dem Weg. Wer nach den körperlichen Strapazen der Pyrenäen und der ersten Hügel in Navarra, der mentalen Anstrengung der spanischen Hochebene, und den Eukalyptuswäldern Galiziens “spirituelle Kraft” verspürt, dem sei’s gegönnt.

Wer sich um Schlafplätze balgt, der macht etwas falsch. Es gibt etwa dreißig Prozent mehr Betten als Pilger, selbst in den Spitzenmonaten. Mitunter ein Grund, warum Albergues so aufdringlich werben. Wer Wanzen in Herbergen nicht mag, der kann sich einfach schützen und mit etwas Unterhaltung auch die besten Herbergen finden.

Hofhunde gibt’s seit Jahren (leider) kaum noch, und Kommerz… ja, den gibt’s. Schade und doof, aber wen wundert’s? Der Camino ist ein Millionengeschäft und die Lebensader der kleinen, ehemals sterbenden, Dörfer entlang der Strecke. Foncebadón, von HaPe Kerkeling noch als das Kaff ohne Menschen, aber mit Hunden, beschrieben, ist heute ein boomendes Dorf mit sechs Restaurants, fünf (bald neun) Herbergen und Hotels, einem Supermarkt, und keinem einzigen Hund.

Foncebadón

Foncebadón, einst die „Geisterstadt der Hunde“, ist jetzt eine Herbergen- und Hotelstadt. Die Einheimischen sind begeistert (wie ich über mehr als ein Estrella Galicia hören durfte), es gibt seit Neuestem sogar eine Schule in der Nähe.

Was der Camino ist, oder besser: jeder der 22 “großen” Caminos, ist ein Weg, der von den Pilgern (oder “Peregrinos/Peregrinas” wie man hier so schön sagt) teils körperliche, aber viel mehr als das eine soziale Entwicklung verlangt.

It’s your Camino!

Wer sich mit den Einheimischen anfreundet, der bekommt auch heute noch seine Umarmungen und so manches Glas Wein und einen Pilgersegen auf den Weg. Wer sich auf Freundschaften einlässt, der wird selten enttäuscht und oft dafür belohnt. Selbst in Santiago, oder später in Fisterra oder Muxia, braucht es nur ein bisschen Andacht und Selbstreflexion um die Schönheit des Weges zu sehen. Ein bisschen Gelassenheit, ein bisschen Offenheit. Wer könnte das alles nicht auch zuhause etwas mehr brauchen?

Wer vom Weg die asketische Selbstkasteiung und damit verbundene Lobhudelei der Zurückgebliebenen erwartet, der wird sich schön in die Nesseln setzen. Wer 800 Kilometer mit vielen Chancen auf Freundschaften, Lachen, Wandern, Regen, Sonne, Essen, freundlichen Einheimischen, ein bisschen Kommerz, ganz viel Cafe con Leche, und laut schnarchenden Franzosen im 40-er Zimmer erwartet, der wird den Camino lieben.

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