Konferenz, vs. Unkonferenz, vs. Camp

1 Eine Konferenz ist ein zeitlich und räumlich festgelegter Event, auf dem sich Vortragende (V) und Zuhörer (Z) treffen. Zuhörer zahlen in der Regel für das Privileg von Vortragenden Informationen und Bildung zu erhalten.

Konferenzen sind damit relativ statische und reglementierte Events. Das hat seine Vor- und Nachteile. Wer eine Konferenz bucht, der weiß in der Regel, was ihn erwartet. Speaker sind vorher angekündigt, manchmal kann man sogar den Arbeitgeber überreden, dafür zu bezahlen, wenn die Vortragenden toll sind. Je besser der Ruf einer Konferenz, desto mehr Prestige kann man als Sprecher durch einen Auftritt bekommen. Man wird oft auch dafür bezahlt, auf einer solchen Konferenz zu sprechen, Hotel- und Reisekosten sind manchmal auch übernommen.

Die Nachteile sind die Kosten, die starre Rahmengestaltung, und die Tatsache, daß nicht Jeder sich für so einen Event erwärmen kann. Gerade Aufsteiger und neue Sterne am Himmel des Themas der Konferenz sind oft für die alte Garde unerwünscht und werden untergebuttert.

2 Eine Unkonferenz ist immer eine Konferenz. Sie ist räumlich und zeitlich begrenzt. Bei Unkonferenzen sind jedoch alle Vortragenden (V) auch Zuhörer und umgekehrt. Die Agenda wird nicht vor der Konferenz geplant, auch wenn potentielle Vortragende das oft schon vorher wissen, und sich vorbereiten. Am Morgen eines jeden Tages kann jeder Z sich als V zur Verfügung stellen und ein Thema (sowie die Eignung, dieses zu besprechen) vorstellen. Per Akklamation wird dann entschieden, welcher Slot in der Agenda diesem VZ (Votragenden Zuhörer) zugewiesen wird. Alle anderen Z können sich dann entscheiden, welche Vorträge sie gerne sehen würden.

Hier reden wir noch von “Vorträgen”. Oft ist das Setup so, daß der/die V vor den Z steht, und für die Dauer des Vortrages referiert, Videos zeigt, etc. Wie auch bei Konferenzen kann es hier eine Q&A Session innerhalb des Vortrages geben.

3 Ein Camp ist immer eine Unkonferenz. Alle Elemente der Unkonferenz sind im Camp abgedeckt. Bei Camps sind jedoch zwei Dinge anders. Der Name schlägt das Eine schon vor: “campieren”. Ein Camp beginnt und endet zeitlich abgegrenzt, hat auch eine räumliche Grenze, aber die normalen “Pausen” in Unkonferenzen und Konferenzen sind hier nicht existent. Man kommt bis man geht. Man pausiert wenn man will. Man “campiert” zusammen.

Zudem gibt es keine festen Zeitplanungen. Stattdessen wird sich am Anfang des Camps getroffen, zwanglos, und durch die normale “Camp Peristaltik” bewegt man sich herum. Wenn zwei oder mehr Menschen ein Thema entdecken, über das sie gerne reden möchten, dann können sie das im “Hallway Track” (also da wo sie gerade stehen) machen, oder einen von mehreren Treffpunkten aussuchen. Jemand schreibt dann einen Zettel (zum Beispiel: “Let’s debug each other’s code”), hängt den an die Wand neben dem entsprechenden Treffpunkt, und jetzt weiß Jeder, wo man was finden kann.

Über die Jahre haben sich “Unkonferenz” Elemente in’s Camp-Leben geschlichen. Camps sind um 6 Uhr Abends vorbei, Sessions werden vorgeplant, und Leute werden stinkesauer, wenn man mal eine überzieht.

Gerade das Letztere ist schlecht. Es ist die Philosophie des Camps, daß man eben Strukturen, die den Austausch und das Lernen voneinander negativ beeinflussen, entfernt. Das war schon, teilweise, in Unkonferenzen so, und wird nicht weniger wichtig in Camps. Orga, Zeitpläne, alles das sind potentielle Killer des Austauschs… schön, wenn sie da sind und funktionieren, aber ganz, ganz, schnell abzusetzen, wenn sie es beeinflussen.

Die beste Komponente, an der der Unterschied festgestellt werden kann, ist die Orga.

Bei Konferenzen steht die Orga über und neben dem Geschehen. Dinge sind geplant, der Plan ist Pflicht, individuelle Gestaltung geschieht nur in dem von der Orga vorgeschriebenem Rahmen.

Bei Unkonferenzen tritt die Orga in den Bereichen der Session-Planung einen Teil zurück. Sie plant immer noch, muß sich aber auf die individuellen Ideen und Bedürfnisse der Teilnehmer einstellen.

Bei Camps stellt die Orga ausschließlich die Tools zur Planung, und die Location bereit. Ob, zum Beispiel, Essen hier von der Orga bestellt wird, oder die Bestellung und/oder Zubereitung eine „Session“ wird, das ist dem Fluss der Dinge überlassen. Da die Orga im Gleichheitsprinzip des Camps sowieso auf einem Level mit den Teilnehmern steht, ist es auch denkbar, daß diese Session von einer Person, die auch Orga ist, in’s Leben gerufen wird, und mit anderen Sessions („Wir bestellen Vegan“ oder „Lass‘ uns zum Huberbauern gehn“) konkurriert.

Hier kommt’s wieder auf die Definition an. Wie „Hacker“ oder „Sternekoch“ bedeutet „Camp“ heute nicht mehr, was es vor zehn Jahren tat. Teilweise, weil das „Camp“ Label sexy ist und überall drauf geklebt wird, und teilweise, weil deutsche Camp-Orgas eben mehr „deutsch“ als „Silicon Valley“ denken. Wie Roman Herzog damals schon sagte: „Bill Gates hat seine Firma in einer Garage gegründet, in Deutschland wäre das schon an der Gewerbeaufsicht gescheitert“. Frei danach: Wir haben das erste BarCamp 2005 in neu angemieteten Firmenräumen gehalten, jeder hat sein eigenes Essen mitgebracht und geteilt, jeder hatte einen Schlafsack oder im Auto gepennt. In Deutschland wäre das schon am „sowas macht man doch nicht“ gescheitert.

Witzigerweise nahm das BarCamp sein Orga-Design vom FooCamp, welches sich an einer deutschen Veranstaltung, dem Chaos Communications Camp, orientierte. Jede Stufe entfernte Bürokratien und Verwaltung, bis beim BarCamp nichts mehr davon übrig war. Die Camps des Jahres 2017 sind damit eher regressive Throwbacks in’s Chaos Communications Camp als Geschwister des BarCamp, auch wenn sie sich so nennen.

28 Comments on “Was ein Camp (nicht) ist…”

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