Ja, lieber Hans Söllner…

Ja, lieber Hans Söllner.

Ich bin mit Deiner Musik aufgewachsen, hab' sogar Deutsch von ihr gelernt. Damals, in Wackersdorf, mit 13, hab' ich Dich gehört. Ich hab' Dich gehört, als wir uns vor die Castor Transporter gesetzt haben. Ich hab' Dich gehört, als meine mittel-rechts-Arschloch Befufsschul-Bekannten mich nicht nur wegen dem "Saubayer sein" sondern auch weil ich "Wichser" gehört habe, gehasst und angegangen haben.

"Jo, a stolzer Deitscha, dos bin i net, mi mocht mei Stolz zum Bayern, jo und dei Stolz mocht di bled" hab' ich damals gepfiffen und mir gedacht, dass Mitdenken immer noch besser ist, als einfach Mitläufer sein.



Und dann hast Du Dich gegen das Impfen ausgesprochen. Und vielleicht, weisst Du, würde ich Dir ja zustimmen, wenn Du Recht hättest und Fakten. Aber Deine Argumentation braucht diese Fakten gar nicht, weil sie nämlich vollständig in das Gesicht der Musik mit der ich aufgewachsen bin, Deinen Liedern, fliegt.

Warum? Weil's nämlich nicht um Dich geht. Oder Deine Kinder. Es geht um "meine," oder die, die ich jeden Tag betreue. Die mit dem Gehirntumor. Oder die, mit der angeborenen Herzschwäche. Die, die aus vielen Gründen eben nicht mit Pertussis, oder Masern, oder Rubella, oder Mumps umgehen können. Die, die ich nicht in die Stadt lassen kann, mit ihren Eltern, und die hinter Glas in einem Hospital eingesperrt sind.

Die Kinder, die — weil Deine Kinder nicht geimpft sind — Angst haben müssen, sich anzustecken. Weil, weißt Du, Hans, Deine Kinder dieses 0.00002% Risiko einer adversen Reaktion haben, "meine" Kinder aber ein fast 100%iges Risiko zu sterben, wenn Deine Kinder, oder Du, zufällig auch auf dem Spielplatz oder in dem Einkaufszentrum sind.

"Ich habe Angst vor Mitläufern und Menschen, die zu einer Herde gehören."

Und damit hast Du Dich schön mit Jenny McCarthy und einem geldgeilen Arzt, Menschen denen Du vor noch 20 Jahren den Kampf angesagt hattest, rechtsradikale, religions-hörige, Verschwörungstheoretiker, zusammen getan und läufst jetzt mit denen mit?

"Ich habe auch keine Angst vor Verantwortung. Ich habe Angst vor Bevormundung."

Ich auch. Und gerade eben bevormundet mich ein Musiker den ich mal sehr gemocht habe. Er erklärt mir, dass das Minimalrisiko für seine Kinder so unverantwortlich sei, dass er eben nicht die Verantwortung für die Schwächsten mit-übernehmen will. Dass er lieber ein herzkrankes Kind mit Masern ansteckt, als dass er dieses astronomisch minimale Risiko eingeht.

Das ist nicht der Hans Söllner, der mir Sozialverantwortung und "zusammen gegen die selbstsüchtigen Mächtigen" beigebracht hat. Das ist ein Musiker, der seine Macht dazu ausnutzt, selbstsüchtig zu handeln und Andere gleich mit in's Boot der Compact-Leserschaft zu ziehen.

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