Was Facebook und Twitter über mich verraten

In den letzten Tagen ist es mal wieder ein Thema: die Auswertung von Facebook und Twitter-Daten zur effizienteren Werbeschaltung, um die Zielobjekte von “fake news” zu identifizieren, und — kurz gesagt — Wahlen zu gewinnen, Dinge zu verkaufen, und Gruppen zu verteufeln.

Also habe ich Cambridge (der Uni) mal Zugang zu meinen Daten gegeben. Erstmal ein Disclaimer: als Research Fellow im King’s College Department of Psychology and Psychiatry, speziell der Psychometrie, arbeite ich manchmal mit Cambridge zusammen. Cambridge (die Uni) und das Psychometrie-Zentrum haben mit Cambridge Analytica nur im Namen etwas gemein, Cambridge Analytica ist eine LLP, die nie Daten von Cambridge University erhalten hat.

Das ist wichtig! Nicht nur, weil ich es echt nicht ausstehen kann, wenn eine gute Uni von Idioten die nicht lesen können (looking at you, Slate) durch den Dreck gezogen wird, sondern auch weil es wichtig ist zu verstehen dass Cambridge Analytica wohl aus anderen Quellen, und nicht ganz so seriös, ein viel dichteres Profil erstellen konnte.

Also, was ist in der Box?

Nach dieser Analyse bin ich weiblich, unterdrücke meine “maskuline Seite” aber nicht. Wie der Bart und andere Dinge, auch meine Sprache, aber recht klar zeigen… bin ich nach allen Maßstäben, ob man das Ganze als Spektrum sehen mag oder nicht, ziemlich männlich sozialisiert. Schön, dass Jemand anders denkt, aber zu Werbe- und politischen Zwecken eher nicht dienlich.

Meine “Likes” für Johnny Cash, Voltaire (den Musiker), und Capital Grille machen mich “femininer”.

Wie Jeder, der eine psychometrische Ausbildung gemacht hat, musste auch ich unter “die Haube” und meinen mehr als einmal erstellen. Nach NEO-PI-R score ich viel höher auf Extraversion, Offenheit für Neues, und Gewissenhaftigkeit, niedriger auf Verträglichkeit, und relativ gleichwertig mit dem Cambridge Test in Neurosen.

Jetzt auch nichts Schlimmes, aber hier ist wieder wenig Nutzbares für Werbung. Erklärt aber, warum ich kaum Werbung für Abenteuer-Urlaube oder Sprachreisen bekomme, dafür aber Snuggies und Bücher.

Laut Cambridge habe ich eine etwas unterdurchschnittliche Intelligenz. Darüber kann man streiten, aber ich stimme dem Ganzen ja zu: ich bin recht blöd. Was nicht so ganz stimmen kann sind die Likes, die dazu herangezogen wurden:

Weil ich RIFT spiele, mal ein Sony XPERIA hatte, und Voltaire höre bin ich intelligenter. Und Johnny Cash, Community Coffee, und der Capital Grille machen mich dümmer. Hier zeichnet sich ein Bild ab: Johnny, Community Coffee, und Capital Grille sind “conservative” Ikonen, während Voltaire, online Gaming, und die Hipster-freundlichen Handys von Sony als “liberal” betrachtet werden. Intelligenz ist also proportional zur liberalen Haltung. Interessante Theorie, die auch ganz gerne in den Medien und Selbstdarstellungen breitgetreten wird, wissenschaftlich und psychometrisch aber nicht haltbar ist.

Zudem kenne ich eine ganze Menge Liberale, die Johnny mögen. Und der Capital Grille, 2012 mal in einem (haltlosen) Rechtsstreit um Gehälter für African-Americans verstrickt, ist ein beliebter Hangout für Demokraten und deren Lobbyisten.

Ich verstehe die Einschätzung meines “Leadership Potential” im Bezug auf die obigen Big5 Ergebnisse. Im Revised Leadership Potential Test von 2016 score ich ein 85 von 100 für Leadership, also mehr als die 45% die hier angezeigt werden. In der Mathematik nennt man sowas einen Folgefehler, in der Psychometrie bedeutet es, dass ich auch hier nicht akkurat eingeschätzt und damit schlecht beworben werde.

Was ich vom Meyers-Briggs halte weiß man. Und dass es in der Psychometrie nichts zu suchen hat, genau wie Astrologie und Teesatz-Lesen, weiß man auch. Und selbst wenn es so wäre, dass der MBTI irgend eine Relevanz hat, ein ISTJ bin ich schon gar nicht.

Weiteres

Ich bin, laut Cambridge, wahrscheinlich schwul. Mir egal, aber auch wieder werbetechnisch problematisch. Weil ich es halt nicht bin.

Ich diskutiere anscheinend ungerne politische Themen und bin ein Zwitter aus konservativen und liberalen Standpunkten. Das Letztere stimmt, aber wer mich mal in der Diskussion erlebt hat, der weiß dass ich unheimlich gerne Politik diskutiere. Werbetechnisch ist diese Einschätzung aber richtig, ich bin kein dogmatischer Liberaler und habe einige konservative Ansichten, was Wahlwerbung wohl schwer macht. Dafür aber wichtig, ich bin der typische “Swing Voter”.

Ich werde als Atheist, Agnostiker, oder “Muslim, Jedi or Pastafarian” eingeschätzt. Anscheinend machen Dimmu Borgir (eine Symphonic Black Metal Band aus Oslo, die gegen Religion singt), Turisas (eine Norse-Metal Band mit Liedern wie “Gegen die Christen, für Odin und Freiheit”), und die ACLU mich “mehr jüdisch”, während Johnny Cash mich zwar religiös aber weniger jüdisch und mehr Katholik macht. Christen verwenden Zagat und spielen RIFT. Dimmu Borgir macht mich, zusammen mit der ACLU, aber auch “weniger religiös”, also wiegt sich das auf.

Johnny Cash, Voltaire, und der Capital Grille sind auch dafür verantwortlich, dass Cambridge mich als “sehr wahrscheinlich in der Krankenpflege” (.72 Sicherheit) einstuft, auch wenn RIFT, Community Coffee, und die ACLU dagegen sprechen. Mit 11% Wahrscheinlichkeit bin ich Psychologe, was genau so wahrscheinlich ist wie “Künstler”.

Ich bin auch nicht in einer Beziehung (wegen Johnny Cash, HuffPo Politics, und der ACLU).

Es folgt…

Wie ich schon oben geschrieben habe, ist es eher unwahrscheinlich, dass Cambridge Analytica die gleichen Ergebnisse hatte. Nicht nur, weil Cambridge (die Uni) eben nichts mit Cambridge Analytica zu tun hat, sonder auch weil die Daten, die von CA erhoben wurden, auf viel dubioseren und halbseidenen Wegen beschafft wurden. CA wertet auch Freunde und Freundeskreise aus, und nutzt künstliche neuronale Netzwerke um aus immer größeren Datenpools auf das Individuum zu schließen.

Es ist auch nicht ganz so wichtig, immer ganz genau richtig zu liegen. Werbung muss nur, wie eine Schrotflinte, in die etwa richtige Richtung gehalten werden. Eher C4 Sprengung als Neurochirurgie.

Wer jedoch Angst hat, dass Facebook und Twitter die “Whole History of You” verraten, dem sei ein bisschen Trost gespendet: bestenfalls zeigen sie, wie man sich selbst gerne sieht, machen zwar werbetechnisch ein bisschen Sinn, sind aber kein echter Prediktor.

3 Comments

    1. Benjamin Arnold liked this Article on twitter.com.

    2. Das ist auch mal ganz interessant zu dem Thema mikka.is/was-facebook-u…

    3. nette liked this Article on twitter.com.

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