Jan 9, 08:24 28 23

Camino Apps, eine Geschichte

Ab und zu schreibe ich im Fediverse etwas Längeres. Das ist so eine Geschichte. Und, wahrscheinlich, keine die die meisten auf den ersten Blick interessiert. Aber gib dem mal eine Chance, weil es nicht wirklich um Pilger und den Camino geht.

Am Anfang war die Sühne. Das war so vor 1200 Jahren und die iberische Halbinsel war im Konflikt mit dem Al’Andalus Kalifat, das schon vor mehr als 300 Jahren angefangen hatte, Spanien zum Islam zu konvertieren und, sich der ganzen internen Kriege zwischen den Prinzen von Iberia bedienend, große Teile des Landes zu erobern.

Währenddessen waren in den Gegenden des heutigen Deutschland, Österreich, und Frankreich die Kirchen stark wie nie. Was aber, wenn ein reicher Fürst oder ein Bischof etwas Schlimmes tat? Hinrichten war nicht, weil schlechte Werbung? Einfach: Man erfand die Pilgersühne, in der die Person zu einem heiligen Ort pilgern musste, dort um Vergebung und Ablass bitten, und dann frei kam. Vorteil: Die meisten starben auf dem Weg oder blieben einfach da, also entweder war zwischen Abreise und Rückkehr genug Zeit um das Ganze vergessen zu machen, oder man sparte sich die Hinrichtung.

Heute pilgern immer noch Menschen. Nicht die ganz schlimmen, sondern aus ganz mundänen religiösen Gründen. Die am besten bekannten Pilgerrouten sind die des “Camino de Santiago”, des Jakobswegs. Dank Hape auch in Deutschland. Die Caminos sind ein Netzwerk aus Wegen, die alle wie Flüsse in einen großen Strom, an die westliche Küste Spaniens führen.

Jan 9, 08:28 7 5

Mit dem neuen Zeitalter kommen auch neue Tools. Die Caminos sind von einer genialen Infrastruktur umgeben, die das Pilgern heute schon fast einfacher und sicherer macht als eine Einkaufstour durch die Supermall am Ende der Stadt. Und statt Karten hat man heute Apps.

Apps gibt es einige. Was sie alle gemein haben ist, dass sie verdammt lukrativ sind. Bei fast 600.000 Pilgern auf den Jakobswegen in 2025 alleine gibt es da eine Klientele die finanziell recht gut gestellt ist (kann sich einen 30-Tage Urlaub in Spanien und Ausrüstung leisten), und fast schon fanatische Fans der Wanderung sind.

Ich habe von 2019 bis 2022 an einer App namens “Camino Ninja” mitgearbeitet. Der Hauptentwickler, Andy, verstarb leider am 22. Juli 2022 zuhause in León, und die App wurde von einem Investor in Konstanz gekauft. Wie gesagt, diese Apps sind verdammt lukrativ, und nachdem der Investor mit seiner eigenen App gescheitert war (welche schon versuchte, in Design und Namen mit unserer App verwechselt zu werden), Andy verstarb, und ein anderer App Entwickler die Gunst der Stunde nutzte um zu versuchen Camino Ninja vom App Store entfernen zu lassen, kaufte er das Ding für einen Appel und ein Ei.

Jan 9, 08:33 10 5

Das war das Ende, damals, der letzten altruistischen App. Der Investor war klar auf die Kohle (I repeat: verdammt lukrativ) aus, die es z.B. Andy ermöglichte in der sehr Pilger-armen Zeit von 2020 bis 2021 genug Geld zu verdienen um über den Kauf eines Apartments in León nachzudenken.

Andere Apps taten und tun das Gleiche. Im Endeffekt: scrape OpenStreetMap, mach Deine eigenen Daten drauf, schreibe eine App in Flutter oder React Native, schmeiße Booking dot Com und andere Affiliate links auf alles, tracke Nutzerdaten als Candy, und werde stark.

Im Spätsommer 2022 saßen wir, die alten Camino Ninja Menschen, in einer Bar in der spanischen Hochwüste, der Meseta. Jemand spielte Gitarre, der Wirt rauchte einen Joint, das Bier war kalt. Tränen in Augen beschlossen wir, etwas Neues zu versuchen: eine App, die all das nicht tat. Die keine Daten sammelte, die keine Gegenleistungen von Hostels und Cafés für’s Listing wollte, die keine Affiliate links schaltete.

Jan 9, 08:40 10 5

Und damit wurde Camino Now geboren. Camino Now war ein Flutter App mit einem Server backend in R. Ja, R. Nein, frag mich nicht warum.

Camino Now war ein Instant-Hit. 14000 Downloads in weniger als drei Monaten. In der Nebensaison. Egal, dass wir alle Jobs hatten, dass wir kein Geld verdienten, dass wir das aus Altruismus machten, es war Spaß. Manchmal ist bei Pilgern erkannt werden und eine dicke Umarmung von einer Wander-Oma bekommen die beste Bezahlung.

Dann kamen die Probleme…

Jan 9, 08:46 25 21

Wie gesagt, insane insane insane Revenue.

Ein “Mitbewerber” verklagte uns in Spanien, weil wir angeblich seine Daten abgezockt hatten. Es kostete fast 10k Euro mit Anwalt in Madrid aufzutauchen, Hotel, Anfahrt, Essen, Anwaltskosten, Übersetzer, um zu beweisen dass, nein, wir hatte nicht gestohlen. In der Tat hatten wir den Eintrag in OSM gemacht (der Sachverständige, der OSM erklären musste kostete auch Geld) und der Mitbewerber hatte ihn integriert. Nach 30 Minuten zog der Mitbewerber seine Klage zurück. Beim Rausgehen meinte er noch “es geht nicht ums Gewinnen, es geht darum, dass ihr vor mir bankrott seid und weg”.

Ein anderer Mitbewerber bemängelte den Namen, drohte auch mit Gericht.

Und ein Dritter verbrachte Wochen damit, in Spanien alle Hostels anzurufen und vor uns zu warnen, mit allen möglichen Lügen.

Open Source, meet Capitalism. Capitalism, meet Open Source.

Jan 9, 09:01 31 11

Weil wir nicht nochmal 10k hatten, die wir nie wieder zurück bekommen würden, benannten wir Camino Now um. In Ultreia.

Und weil wir nicht noch einmal wochenlang mit Apple und Google kämpfen wollten, weil wir als Datendiebe “Strikes” von einem anderen Mitbewerber bekamen (die immer falsch waren, aber auch hier haben wir nicht das Geld), wurde aus einer Flutter App mit schlechtem Server ein PWA.

Capitalism, meet Open Source ingenuity.

Das hatte Vorteile. Der Camino, der aus tausenden von Albergues und Cafés besteht, war auf unserer Seite. Die haben nämlich die Schnauze auch gestrichen voll von den traditionellen Apps, die langsam reagieren, denen die kleinen Betriebe am Camino scheißegal sind so lange sie Geld verdienen, und die mit ihren Affiliate links die Betriebe richtig fett Geld kosten. Betriebe, die gerade so an der Deckung arbeiten.

Ohne Alternativen sind diese Betriebe aber mehr oder weniger gezwungen, mitzumachen. Mit einer 73% Abdeckung von Pilger:innen mit diesen Apps bist Du entweder dabei, oder Du bist raus aus dem Geschäft.

Capitalism, meet Barbara Streisand.

Die Klage, die ganzen Anrufe, bewirkten genau ein Ding: Man wurde auf uns aufmerksam. Auf unsere “Leaf & Shell” Vegan-Vegetarian-Camino Liste, auf die Tatsache, dass man mich (wie damals Andy) wirklich auf dem Camino treffen konnte, statt ein Fax nach Konstanz zu schicken und auf Antwort zu hoffen.

Frag eine:n Hospitaler@ in Spanien (das sind die Betreiber der Hostels für Pilger:innen), und man kennt “The Mikka”. Wie gesagt, besser als jeder Paycheck.

Open Source works. Vielleicht nicht oft um einen Lambo zu kaufen. Aber genug für Abendessen auf einer Veranda in der untergehenden Sonne in Hontanas, während eine Gitarre spielt, Menschen lachen, und dafür, die Welt vielleicht ein kleines bisschen besser zu machen und als “The Mikka” bekannt zu sein.

Jan 9, 10:23 14 6

Nachgedanken…

Eine App (web/mobile/etc.) ist drei Dinge, die ich als Arzt besser verstehe als das ganze “Nullen und Einsen” Gedöns. Ein Körper, ein Herz, und eine Seele.

Der Körper einer App, das ist der Code. Ob Vibecode oder nicht, Apps sind einfach zu erstellen. Man muss sich einlesen, ja, und man muss verstehen was man braucht und wie man es bekommt, aber selbst Mobile Dev ist, dank Swift, Flutter, Kotlin, oder React nicht mehr ganz weit weg. Solange der Körper stabil ist (keine Bugs, alle beweglichen Teile bewegen sich, unbewegliche nicht), geht das schon.

Das Herz einer App, am Beispiel Ultreia, ist Design, UX/UI, welche Daten wie gesammelt, bearbeitet, und präsentiert werden. Das ist schon schwerer. Man kann das von zu Hause machen, aber am besten macht man es “boots on the ground” da, wo das App sammelt oder widergibt. Zu wenige ePA Entwickler:innen haben jemals eine Schicht in einer Notaufnahme oder Praxis zugeschaut, und die meisten Camino Apps werden von Entwicklern gebaut, die in Büros in den USA, Saudi Arabien, Deutschland, oder Irland sitzen.

Die Seele, das ist das eher luftige Ding. Die Seele einer App, wieder an unserem Beispiel, ist das Denken der Menschen, die sie schreiben oder nutzen. Andy lebte auf dem Camino, er war der Camino. Er war ein Mensch mit einem Rucksack und einem alten Laptop, den man treffen konnte. Der jedes Jahr tausende von Kilometern lief um jede Albergue zu besuchen, hallo zu sagen, zu schauen was die anderen brauchten. Der Pilger ansprach und ihnen half, und damit lernte was wichtig war.

Wir versuchen, diese Seele auch zu haben. Ich bin April bis Oktober auf den Caminos, mappe Quellen, rede mit Albergues, lache und weine mit Pilgern, schaue was gebraucht wird. Die anderen Ultreia-Ultras tun das auch. Wir sind der Camino. Unsere Mitbewerber sind Affiliate links und Bankkonten und eMails. Das ist keine Seele.

Ich denke aber, dass mehr als Herz und Körper, die Seele es ausmacht, welche App das Rennen “gewinnt.” Zumindest hoffe ich das. Ob Fediverse, Camino App, oder was auch immer, seelenlos geht immer nur so lange gut, bis einer mit Seele kommt. Und ich hoffe wirklich inständig, das die Seele des Fediverse und sein Herz, oder die Seele von Ultreia und sein Herz, das beweisen.

Teil 6: 2 Kommentare

@mikka Interessant. Wenn das letzte Kind aus dem Haus ist, wird das dann auch wieder interessant, weil unsere Urlaubsplanung dann flexibel ist.

@snaefell Sag Bescheid :)

@mikka Ich habe mir ein Bookmark gesetzt 🙂
Ansonsten schaue ich mir die App mal an. Das ist aber nichts akutes...

Kai
Kai @kgertz@digitalcourage.social
3 months, 1 week ago

@mikka

Was für ein App--Krimi.. Wahnsinn, mit welchen dreckigen Mitteln gegen Open Source Projekte geschossen wird, wenn sie erfolgreich werden. Und einfach nur traurig. Von wegen "Wettbewerb"..

Und der "Bodensee-Peter" mittendrin... (die neue Betreiber-Firma der App ist quasi einer unserer Nachbarn)

Cool aber, dass ihr da euren eigenen Weg mit der PWA statt einer native app gefunden habt.

@kgertz Oh, kennst Du meinen Widersacher dann ganz gut :). Ja, die Geschichte ist traurig.

Andy starb am 22. Am 23. war der Herr schon am Baggern, wie er Andy’s Ex-Frau erreichen kann, damit “sich jemand um Camino Ninja kümmert.” Wir waren in León auf der Beerdigung als er angeblich “mit den Freunden und Bekannten von Andy” sprach. Niemand, inklusive der drei, die bei Andy wohnten, hat ihn jemals getroffen.

Wir hätten Camino Ninja gerne als Open Source weitergemacht. Wir hatten zwei Projekte: Camino Ninja und Camino Love. Schon lange vor Andy’s Tod veröffentlichte Peter eine App namens Camino Love, um am Booking-Topf teilzuhaben. Die floppte, obwohl sie auf unserem guten Namen aufbaute und sogar unser Icon verwendete. Stattdessen hat er die App gekauft, weil er Geld hatte um die Familie zu überzeugen. Seitdem ist alles was mal Camino Ninja war raus. Die neue App ist nicht Open Source, die Datenquellen sind nicht mehr an OSM zurückgeteilt, und man sieht keinen mehr auf dem Camino der für die App spricht.

Camino Ninja war die Legende, weil “The Mikka” oder “Andy, der Ninja” auf dem Weg waren. Wir haben 2020 und 21 mit viel Geld die Albergues unterstützt, die ohne Pilger untergegangen wären, haben Pilgern aus der Patsche geholfen, etc. Kein Brag, einfach nur um zu erzählen, was der Sinn hinter der App war: catalogue the Camino, do good with it.

Damit hatten wir einen Ruf. Und den wollte Peter. Er hatte ihn, aber seit alles das weg ist (kommt gleich ein Thread Post dazu), geht der auch kaputt. Ich finde immer noch Andy-Sticker auf dem Weg, drei Jahre später, weine ein bisschen, und laufe weiter.

Teil 7: 2 Kommentare

@mikka Was für eine Geschichte 🤐

Ich mag deine Beschreibung von Körper, Geist und Seele der Software sehr. Ich bin so gar nicht religiös, aber da klingt etwas bei mir.
Ein Projekt wie Eures ist so ein schönes Beispiel, was OpenSource möglich machen kann.

@mikka 👏👏