Die offizielle Wissenschafts-Erklärung: Der Möwenstein ist ein Findling, vom Gletscher der letzten Eiszeit aus dem Norden hierher transportiert und dort abgelagert worden – ein bisschen wie ein geologisches Post-It, das uns sagt: „Hier war mal Bewegung im großen Eispaket.“

Die Mythen-Schicht darüber ist genauso großartig wie das Ding selbst. Eine alte Travemünder Sage erzählt von einem Riesen namens Möves oder Möwes, der an der Küste vor Travemünde große Steine ins Meer warf. Der Name des Steins erinnert direkt an diesen Mythos. Durch solche Sagen wird so ein harter Brocken plötzlich zu einem Teil der lokalen Identität – nicht nur ein Fels, sondern ein Charakter mit Ursprung in der Vorstellungswelt der Leute.

Kulturell ist der Möwenstein ebenfalls beachtlich: Thomas Mann setzt ihn in Buddenbrooks als romantischen Schauplatz ein, dort wo Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf Zeit miteinander verbringen – was dem Stein eine literarische Aura verleiht, die über seine geologische Existenz hinausreicht.

Seit 1980 steht der Stein unter Naturschutz als Naturdenkmal – eine Art staatliche Erklärung, dass dieses Relikt der Erdgeschichte erhaltenswert ist. Dennoch sackt er langsam weiter ab, und es gibt Initiativen wie „Rettet den Mövenstein“, weil er ohne feste Gründung oder Bergung in absehbarer Zeit komplett im Meer verschwinden könnte. 

Heute ist der Möwenstein vor allem ein lokales Wahrzeichen entlang der Promenade: Man kann ihn beim Spaziergang sehen, es gibt Infotafeln, und er zieht Leute an, die auf Felsen starren oder darüber grübeln, wie ein Stein mehr Bedeutung bekommen hat, als er eigentlich verdient – so poetisch und absurd ist unsere Kulturlandschaft manchmal.