Wenn wir wirklich den Reiseverkehr einschränken wollen, dann müssen wir lokal etwas ändern. Anfang November, jetzt wirklich keine Hochsaison, kosten mich zwei Nächte in einem Hotel in Bayern zu zweit mehr als eine Pauschalreise mit dem Flugzeug auf die Kanaren oder nach Griechenland.

Mövenstein

Die offizielle Wissenschafts-Erklärung: Der Möwenstein ist ein Findling, vom Gletscher der letzten Eiszeit aus dem Norden hierher transportiert und dort abgelagert worden – ein bisschen wie ein geologisches Post-It, das uns sagt: „Hier war mal Bewegung im großen Eispaket.“

Die Mythen-Schicht darüber ist genauso großartig wie das Ding selbst. Eine alte Travemünder Sage erzählt von einem Riesen namens Möves oder Möwes, der an der Küste vor Travemünde große Steine ins Meer warf. Der Name des Steins erinnert direkt an diesen Mythos. Durch solche Sagen wird so ein harter Brocken plötzlich zu einem Teil der lokalen Identität – nicht nur ein Fels, sondern ein Charakter mit Ursprung in der Vorstellungswelt der Leute.

Kulturell ist der Möwenstein ebenfalls beachtlich: Thomas Mann setzt ihn in Buddenbrooks als romantischen Schauplatz ein, dort wo Tony Buddenbrook und Morten Schwarzkopf Zeit miteinander verbringen – was dem Stein eine literarische Aura verleiht, die über seine geologische Existenz hinausreicht.

Seit 1980 steht der Stein unter Naturschutz als Naturdenkmal – eine Art staatliche Erklärung, dass dieses Relikt der Erdgeschichte erhaltenswert ist. Dennoch sackt er langsam weiter ab, und es gibt Initiativen wie „Rettet den Mövenstein“, weil er ohne feste Gründung oder Bergung in absehbarer Zeit komplett im Meer verschwinden könnte. 

Heute ist der Möwenstein vor allem ein lokales Wahrzeichen entlang der Promenade: Man kann ihn beim Spaziergang sehen, es gibt Infotafeln, und er zieht Leute an, die auf Felsen starren oder darüber grübeln, wie ein Stein mehr Bedeutung bekommen hat, als er eigentlich verdient – so poetisch und absurd ist unsere Kulturlandschaft manchmal.

Zugleid

Ich mache heute etwas ganz Ungewohntes: Ich fahre mit dem ICE nach Hamburg. Also nicht Hamburg, die Stadt mag ich, und sie ist neben München die einzige deutsche Stadt, in der ich wohnen wollen würde, aber den ICE-Teil. Weil ich sonst, seit ich keine BC100 mehr habe, ja D‑Ticket fahre.

Auf der Strecke von München sind jetzt, gegen 6:30 Uhr, schon 8 (!) Verbindungen als „fällt aus“, „Halt nicht möglich“ oder „Anschlusszug wird nicht erreicht“ markiert (kein Wunder, und auch egal, weil der Vorzug ja ausfällt).

Also 140 € in die Hand genommen, ICE gebucht.

140 Euro. Das ist das verfügbare Wochen-Einkommen einer Familie in vielen Teilen Deutschlands. Das sind sechs Stunden Nachtschicht für eine Pflegehilfe. Wer in Deutschland von München nach HH und zurück reist, der zahlt mehr als der Bund beim Bürgergeld für jährliche Kleidungsausgaben zugrunde legt.

Und was bekomme ich für meine 140 €? Ach, ja, „heute 90 Minuten später und ohne Halt in…“ natürlich. Zum Glück muss ich da nicht hin, wo diesmal nicht gehalten wird. Der Mann neben mir schon, und er sieht nicht happy aus. Jetzt muss er vorher raus, seine beiden Koffer in einen RB überführen und hoffen, dass er noch zum Check-In ins Hotel kommt. Weiß ich, weil er ins Handy schnieft.

Außen liegen die Wiesn-Leichen und versuchen, ganz schnell Schlaf zu bekommen, zwischen den eng getakteten DB‑„Sicherheit“ (habe mich im Leben selten so unsicher gefühlt wie in deren Präsenz, und ich war in Afghanistan und Favelas in Brasilien bei Nacht) Patrouillen und der Polizei.

Im Zug stinkt’s auch nach Bier und Schweiß und „im Oanser nix abkriegt“, was so in etwa wie „im Berghain keinen Kokser gesehen“ ist, also statistisch unmöglich. Außer, naja, hier sitzen sie, die, die eigentlich gehofft hatten, neben Brathendl, Moaß, und Wiesn-Koks, auch ein bisschen biblische fleischliche Kenntnis abzubekommen. Nicht wenige davon noch im Plastik-Dirndl oder Jeans und Rotkariertem aus dem Discounter in Hannover oder Oldenburg, mit den Flecken, die eine Nacht der Exzesse halt so mit sich bringt. Bayern wissen immerhin, wie man sich nicht aufs Gwand speibt. „Erst s’Loaberl runter, dann s’Bier aussi“, wie schon der fünfjährige Schorsch hier lernt.

Gestern bin ich von Pforzheim nach München zurückgefahren. Mit dem D-Ticket (wer will schon über 100 € für sowas ausgeben, mit dem Auto wär’s billiger), also viermal umsteigen.

Normalerweise viermal. Gestern: neun Mal. Erst weil der Zug außerplanmäßig geendet ist, dann weil wir so viel Verspätung hatten, dass der Zugbegleiter uns den Zug am Gegengleis nahegelegt hat, dann weil der nächste Zug überfüllt war, und fast die Hälfte raus und auf den nächsten warten musste, dann weil der Zug von Aalen hinter Aalen stehen geblieben und nach Aalen zurückgefahren ist. Der RE nach München ist dann noch einmal in Augsburg unplanmäßig geendet, und der von Augsburg nach München hatte nicht nur Hunderte von Wiesn-Besuchern an Bord, sondern auch 103 Minuten Verspätung.

Und dafür wollen die schon wieder mehr Geld?

Hospitaller Church, Cizur Menor

Just outside Pamplona, in Cizur Menor, the Camino slips past a place where medieval practicality and spiritual marketing quietly shook hands: the church and former hospice of the Knights Hospitaller, today remembered through the Iglesia de San Miguel and the adjacent pilgrims’ albergue.

Strip away the romance for a moment. The Knights Hospitaller—later known as the Order of Malta—were not wandering mystics with good intentions. They were a disciplined, international organization running a medieval logistics network. Their original job description was simple and brutally honest: care for pilgrims, protect routes, manage assets, and stay solvent while doing it. The Camino was perfect territory. Endless foot traffic, high injury rates, sickness, theft, exhaustion—demand guaranteed.

Cizur Menor sat exactly where it needed to be: just after Pamplona, when the first euphoric optimism of pilgrims met the reality of sore feet and bad decisions. The Hospitallers established a hospital and shelter here by the 12th century, offering food, beds, and care under the protection of Saint Michael, the archangel who specializes in drawing hard moral lines with a sword. That dedication is not subtle. This was a frontier between safety and exposure, order and chaos.

The church of San Miguel that remains is Romanesque at heart: thick walls, small windows, a geometry designed to endure rather than inspire. It was not built to impress God; it was built to outlast weather, war, and pilgrims who collapse into walls. Think less cathedral, more bunker with theology.

The albergue, still functioning today, continues the original mission with modern humility. No theatrics. No spiritual cosplay. Just beds, water, shelter, and the quiet understanding that pilgrims don’t need enlightenment at this stage. They need rest. This continuity is the real marvel. Most medieval institutions vanished or mutated beyond recognition. Here, the core function survived: people walking west arrive broken; people leave slightly less broken.

The Hospitallers weren’t altruists in the modern sense. They were systems thinkers. Care created loyalty. Loyalty stabilized routes. Stable routes created influence. Influence kept the order powerful enough to keep caring. It’s a feedback loop, not a halo. Today, the Orders of St. John and the Orders of Malta (Maltese, Johanites a split that happened with the Reformation) serve in thousands of institutions, from operating ambulance services in Britain, Canada, Australia, Germany, and more, to hospitals, shelters for the frail, weak, abused, and homeless, food kitchens and pantries and, of course, still cater to pilgrims on any major pilgrimage route.

From the outside, Cizur Menor looks like a modest village stop. From the inside of history, it’s a node in a pan-European network that understood something we still struggle with: infrastructure is compassion made durable.

Pilgrims today pass through, snap a photo, stamp a credential, and move on toward Puente la Reina. The stone doesn’t object. It has seen crusaders, plague victims, barefoot penitents, Instagram hikers, and probably worse. It remains, doing what it has always done—standing where humans tend to falter, quietly refusing to disappear.